Als der Stückgutfrachter 𝗠𝗦 𝗕𝗹𝗲𝗶𝗰𝗵𝗲𝗻 1958 vom Stapel lief, war es in seiner Zeit ein sehr modernes Schiff. Als es 2006 von der 𝗦𝘁𝗶𝗳𝘁𝘂𝗻𝗴 𝗛𝗮𝗺𝗯𝘂𝗿𝗴-𝗠𝗮𝗿𝗶𝘁𝗶𝗺 vor der Verschrottung gerettet und in den Hamburger Museumshafen gebracht werden sollte, ergab sich eine besondere Schwierigkeit. Es gab unter den aktiven Nautikern/Seeleuten niemanden, der das Schiff fahren konnte. Die Schiffstechnik ist heute eine völlig andere als die Damalige! Das heutige Wissen ist für das Führen älterer Schiffe wertlos – oder umgekehrt … das damalige Wissen hat heute keine Relevanz mehr.
Die MS-Bleichen besaß kein GPS und keine computergestützten Seekarten, keinen Autopiloten, keine digitalen oder Computer gestützten Technologien. Alles, was heutiger Standard auf jeder Brücke ist, gab es nicht. Die Seeleute führten mit einem Kompass, Sextanten und Papier-Seekarten das Schiff.
Diese Schiffe wurden von Hand gesteuert. Navigiert wurde nach dem Sonnenstand und den Sternen. Es brauchte spezielles Wissen und vor allem Erfahrung, um ein solches Schiff sicher auch in schwerer See über die Meere fahren zu können.
Also rekrutierte man aus ehemaligen Seeleuten, die inzwischen längst Rentner waren, eine Mannschaft, die das Schiff nach Hamburg überführen konnten. Maschinisten, Nautiker, Steuerleute, alles wurde gebraucht. Altes Wissen war gefragt und wertvoll. Dass die alten Herren an Bord eine richtig gute Zeit hatten, kann man sich leicht vorstellen. Mein Vater war einer der alten Seebären, die sich ehrenamtlich um das Museumsschiff kümmerten. Es machte ihm große Freude den Besuchern die Technik und die Arbeitsweisen von damals zu vermitteln und mit ein wenig Seemannsgarn zu schmücken.
Weshalb wähle ich dieses Beispiel? Es zeigt sehr anschaulich und nachvollziehbar, wie vergänglich Wissen, Erfahrung und Können sind. Ihr Wert resultiert nur aus dem Kontext ihrer Anwendung, ihrer Zeit.
Für mich ist das Beispiel eine Anregung, sich als Mensch und als Unternehmen stets weiterzuentwickeln und interessiert zu bleiben. Der romantische Blick in den Rückspiegel, das Verklären ehemaliger Leistungen, Arbeits- und Vorgehensweisen helfen nicht um gegenwärtige und zukünftige Aufgaben zu lösen und im Wettbewerb zu bestehen. Heute kann kein Unternehmen mehr „von Hand“ gesteuert werden.
Gerade durch die Digitalisierung verändert sich die Welt schneller als je zuvor. Technisch und methodisch auf der Höhe der Zeit zu bleiben, ist relevant. Hierfür benötigen wir betriebsinterne und -externe Möglichkeiten der Weiterbildung. Wir sollten es als Chance und Einladung sehen, unser Wissen zu aktualisieren. Die Mühe lohnt sich.
