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China, der unterschätze Wettbewerber


China galt lange nur als Werkbank für Deutschlands Industrie. Man erkannte in China zunächst keinen ernstzunehmenden Wettbewerber. „Die können nur kopieren und nachbauen“, hieß es lange Zeit. Innovation war aus dem Land der Mitte nicht zu erwarten. Es war vor allem auch als wachsender Absatzmarkt attraktiv.
Das Land hat sich rasant entwickelt und als Nation dazugelernt. Indem es seine Kinder ins Ausland auf renommierte Universitäten schickte und ausbilden ließ, konnte es schnell aufholen und Wissen ins Land holen. Aber auch in China selbst stand Bildung als strategisches Investment ganz oben auf der Agenda. 1980 waren noch 63 % der Chinesen Analphabeten, heute sind es 2,8 %. Zum Vergleich: In Deutschland sind es aktuell 12 %!

Diese gut ausgebildete Generation sitzt jetzt an den Schalthebeln der chinesischen Industrie. Die Öffnung des Marktes und die Förderung des Unternehmertums waren weitere Schritte, die zum Aufstieg des Landes führten. Heute ist China eine führende Industrienation mit eigener Produktentwicklung und hohem Exportanteil.

Schnelles Produzieren und Kopieren war gestern. China beginnt nun auch zu innovieren. Wir sehen das gerade deutlich im Automobilsektor. Auch in den digitalen Industrien hat China beachtlich aufgeholt.

Kam das überraschend? Nein. Der Ökonom und MIT-Professor David H. Autor ist eine von vielen Stimmen, die seit Langem davor warnen, China zu unterschätzen. Der Aufstieg der Mittelschicht in Fernost gehe mit dem Abstieg der Mittelschicht in Europa einher, weil gut bezahlte Jobs in der Industrie verlagert wurden. Vor allem aber liegt es daran, dass die Firmen in Fernost technologisch aufgeholt haben.
Das betrifft nicht nur die Maschinen an sich, sondern auch die Technologie sowie die Vermarktung. Die USA sind zwar immer noch deutlicher Marktführer in der Plattformökonomie, China hat jedoch rasant aufgeholt und hält inzwischen ein Drittel des Marktanteils. Europa, insbesondere Deutschland, hat dem nichts Nennenswertes entgegenzusetzen. So verfolgen die hiesigen Maschinenportale ein Geschäftsmodell, das vor 25 Jahren etabliert und seitdem nicht verändert wurde. Innovation und Weiterentwicklung sehen anders aus.

Das Potenzial der digitalen Marktplätze mit ihren vernetzten Services und Vorzügen, die wir zum Teil aus dem B2C-Bereich kennen, wird bei uns im Wesentlichen vernachlässigt. Der geringe Digitalisierungsgrad deutscher Unternehmen bremst die Effizienz und Rentabilität und ist daher ein wesentliches Problem, das von den Wirtschaftsforschungsinstituten seit Langem beklagt wird.

Die Senkung der Kosten wird als Hauptmotivation für Digitalisierungsprojekte in Deutschland genannt, nicht aber die Schaffung verbesserter Services und neuer, innovativer Geschäftsmodelle, so eine NTT-Data-Analyse.
China drängt mit Solaranlagen, Windrädern, E-Autos und allerlei Maschinen – auch Baumaschinen – auf den europäischen Markt. Gerade der Ausbau der Baumaschinenindustrie war ein strategischer Punkt der Volksrepublik. Man wollte den Aufbau des Landes mit eigenen Maschinen vorantreiben und hat entsprechende Kapazitäten aufgebaut.

Das Bild von China hat sich stark verändert, so Karl Haeusgen, Präsident des VDMA. Viele Jahre galt China als wichtiger Absatzmarkt mit jährlich zweistelligen Zuwachsraten. Nun hat sich China vom Chancen- zum Risikomarkt für deutsche Hersteller gewandelt. Aus dem Kunden wurde ein Konkurrent. China ist nicht nur wichtigstes Exportland, sondern auch mit 13,4 % Anteil der wichtigste Maschinenlieferant Deutschlands. Auch wenn die Maschinen und Produkte nicht so perfekt wie die deutschen gearbeitet sind, bieten sie doch ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. In internationalen Absatzmärkten ist der Preisvorteil von 20–30 % dann ein Argument für eine chinesische Maschine.

Egal, wohin wir schauen: Das Überleben der deutschen Unternehmen (Industrie, Handel und Handwerk) hängt ganz wesentlich vom Digitalisierungsgrad, von der Bereitschaft zur Veränderung und der Anpassung an eine neue Realität ab. Durch das Ausscheiden der Babyboomer-Generation im Laufe der kommenden Jahre geht ein enormes Wissen in Form von Erfahrung in den Unternehmen verloren. Dieses jetzt zu bündeln und im Unternehmen zu sichern, ist aktuell eine zentrale Aufgabe des Managements. Das betrifft nicht nur die Industrie, sondern auch das Handwerk. Viele Handwerksbetriebe sind gegenüber der Digitalisierung aufgeschlossen, doch mangelt es am Wissen bezüglich der Umsetzung. Industrienahe Handwerksbetriebe sind deutlich weiter als andere – so eine Studie des DHI (Deutsches Handwerksinstitut).

Digitale Kompetenzen aufzubauen, ein entsprechendes Mindset sowie eine Kultur, die Veränderung begrüßt und ermöglicht, sind aktuell eine der wichtigsten Aufgaben in der Transformation unserer Wirtschaft. Die Transformation unser Wirtschaft ist nicht mehr als die Anpassung an veränderte Situationen und damit zwingend notwendig.